Für die meisten Fußballfans ist Bayer Leverkusen immer nur der „Pillenklub”, ein Werksverein ohne Charisma.Eine Fußballsaison ist ein komplexes Gebilde. Höhen und Tiefen, Phasen der Euphorie und der Krise wechseln einander im Laufe der Spielzeit ab. Möglicherweise kommt irgendwann ein neuer Trainer, Teile des Personals verschwinden oder stoßen neu hinzu. Ist es also redlich, die Dramaturgie einer Saison auf fünf Minuten zu reduzieren? Sicher nicht, und doch kommt jeder, wirklich jeder, mit dem man sich über Bayer Leverkusen des Frühjahrs 2002 unterhält, auf bestimmte fünf Minuten zu sprechen. Und es sind nicht etwa die letzten fünf Minuten des letzten Spiels der Saison, sondern fünf vermeintlich unscheinbare Minuten ein paar Wochen zuvor.Die Geschichte begann ja nicht erst 2002, sie begann spätestens im Sommer 2000.
Da verlor Bayer Leverkusen am letzten Spieltag mit 0:2 in Unterhaching, verspielte die fast schon sichere Meisterschaft und begründete seinen Ruf als »ewiger Zweiter«. Als Coach Christoph Daum wenig später wegen seiner Kokainaffäre zurücktreten musste, dachte man bei Bayer erstmals über einen Trainer Klaus Toppmöller nach. Der stand beim Zweitligisten 1.?FC Saarbrücken unter Vertrag, ein Engagement in Leverkusen scheiterte damals an überhöhten Ablöseforderungen der Saarländer. Stattdessen verpflichtete Bayer 04 etwas überraschend Berti Vogts. Weil der als Spaßbremse galt, holte Calmund neben dem Co-Trainer Wolfgang Rolff und Torwart-Coach Toni Schumacher den immer fröhlichen Ex-Nationalspieler Pierre Littbarski in den Trainerstab, um die Profis bei Laune zu halten.
Es war ein Schuss, der nach hinten losging. Littbarski, der zuvor einige Jahre in Japan gelebt hatte, präsentierte sich als ordnungsliebender, prinzipientreuer Typ. »Er war strenger als Berti, und Berti war fast der Stimmungsmacher«, sagt Calmund heute. Als Littbarski im Training Michael Ballack umgrätschte, hatte er es sich mit dem Kader verdorben.
Im Sommer hatte Bayer als Vierter zwar die Qualifikationsrunde für die Champions League erreicht, doch die Atmosphäre war nachhaltig belastet. So kam es, dass alle Trainer bis auf Schumacher am Saisonende gehen mussten, und Klaus Toppmöller mit ein paar Monaten Verspätung doch noch Chef-Coach in Leverkusen wurde. Für ihn, der allenfalls Anfang der 90er in Frankfurt mal ein ähnlich starkes Team trainiert hatte, ging mit dem Engagement ein Traum in Erfüllung.
Während der Sommerpause saß er in seinem Haus in Rivenich an der Mosel und spielte an der Magnettafel tausende mögliche Aufstellungen durch. Was für Möglichkeiten: Allein das Mittelfeld mit Ballack, Zé Roberto, Bastürk oder Schneider ließ Kenner mit der Zunge schnalzen. Als Toppmöller mit Calmund bald darauf zur U21-Weltmeisterschaft flog und dabei die Mannschaftsquartiere der Argentinier und Brasilianer besuchte, konnte der Manager die unverhohlene Begeisterung des Trainers spüren. »Er war ein Fußballkind mit riesigen Träumen«, sagt Calmund. »Er hat mit dem argentinischen Nationaltrainer geredet, und dieser Moment war für ihn wie Ostern, Weihnachten, Geburtstag und Kommunion zusammen. Er hätte sich wohl am liebsten noch ein weiß-blaues Trikot übergezogen, mittrainiert und Autogramme geholt. Und diese Begeisterung hat er später in Leverkusen eins zu eins auf die Mannschaft und das Umfeld übertragen. Selbst mich hat er angesteckt, und ich bin ja schon ein abgebrühter Hund.«