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Was macht den Mythos Borussia Mönchengladbach aus? Warum haben noch heute, nach Jahren des Mittelmaßes und zweijähriger Bundesliga-Abstinenz deutschlandweit nur zwei, drei Bundesligisten eine ähnlich große Anhänger- und Sympathisantenschar wie Borussia? Warum kritzeln Schriftsteller in ihre Romane eine Aufstellung Borussia Mönchengladbachs, wie sie im Himmel aussehen könnte und setzen Hennes Weisweiler auf eine Wolke? Borussia war anders. Während die Nationalmannschaft bei internationalen Turnieren regelmäßig ins Finale einzog und mit deutschen Tugenden erfolgreich war, spielte in Mönchengladbach ein Team, dessen Prinzip nicht der Sieg, sondern die Ästhetik des Spiels war. Statt Kampf und Kraft Lust und Leidenschaft.
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Borussias Triumphe sind unvergesslich, weil ihnen immer die Aura des Besonderen anhaftete. Das 2:1 gegen den 1. FC Köln im Juni 1973 gilt bis heute als das beste DFB-Pokalfinale aller Zeiten. Günter Netzers damals entscheidendes Tor in der Verlängerung nimmt es im Bekanntheitsgrad auf mit den Treffern von Helmut Rahn bei der WM 1954 oder dem Tor von Gerd Müller im WM-Endspiel von 1974. Es war ein Tor wie ein Kunstwerk. Günter Netzer verkörperte die Ästhetik des Mönchengladbacher Fußballs. Er kam, wie es damals hieß, „aus der Tiefe des Raums“. Und doch: Ohne einen unermüdlichen Rackerer wie Berti Vogts, ohne die zuverlässigen Dienste eines Hacki Wimmer, ohne den Torriecher eines Jupp Heynckes hätte Netzers Stern weniger hell gestrahlt. Den Mythos Borussia Mönchengladbach begründete nicht ein Spieler alleine, sondern die Fohlen-Elf, das Kollektiv mit seinem Dirigenten Hennes Weisweiler.

Es waren aber mindestens in gleichem Maße die großen Niederlagen, die die Herzen für Borussia schlagen ließen. Niederlagen wie die gegen den übermächtigen FC Liverpool, gegen den Borussia im Europapokal dreimal den Kürzeren zog. Vor allem aber die Niederlagen, die keine waren: Wie im April 1971, als am Bökelberg im Spiel gegen Werder Bremen ein Torpfosten brach, der Schiedsrichter daraufhin die Partie abpfiff und der DFB den Bremern die Punkte zusprach. Wie im Herbst 1971, als das sagenhafte 7:1 gegen Inter Mailand von der UEFA annulliert wurde, weil der italienische Nationalspieler Roberto Boninsegna von einer leeren Cola-Büchse am Kopf getroffen worden war. Wie im März 1976, als im Europapokalspiel bei Real Madrid zwei VfL-Tore nicht anerkannt wurden. Niederlagen, aus denen Borussia als moralischer Sieger hervorging und die wie Siege am Mythos Borussia Mönchengladbach bastelten.
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Das Leiden hat beim VfL immer dazugehört. Mehr als in anderen Klubs. Sepp Herberger, der Vater aller deutschen Fußballtrainer, erklärte die Lust der Leute am Fußball einmal so: „Die Menschen gehen ins Stadion, weil sie nicht wissen, wie das Spiel ausgeht.“ Nirgends galt dieser Satz mehr als in Mönchengladbach. Auf dem Bökelberg bekamen die Zuschauer rauschende Fußballfeste zu sehen; und eine Woche später wieder unerklärliche Niederlagen ihrer Lieblinge. Die Mannschaft, die der damalige Sportredakteur der Rheinischen Post, W. A. Hurtmanns, nach dem Aufstieg in die Bundesliga 1965 erstmals als Fohlen-Elf bezeichnete, verdiente sich diesen Beinamen nicht nur durch ihr geringes Durchschnittsalter. Die Kicker aus Mönchengladbach ließen auf den Spielplätzen der Bundesliga ihrer Lust am Fußball freien Lauf wie junge Fohlen ihrer Lust am Leben: leichtsinnig und ungestüm, leichtfüßig und sorglos. Das Wort vom Fohlen-Fußball manifestierte sich in den frühen 70er-Jahren, als Borussia Deutsche Meistertitel gewann, den DFB-Pokal holte und im Sturm und Drang Europa eroberte. Tatsächlicher, greifbarer Erfolg hatte sich erst eingestellt, nachdem Trainer Hennes Weisweiler erfahrene Spieler in sein Kollektiv der Himmelsstürmer eingebaut hatte. Wie Fohlen spielten sie trotzdem weiter. 35 Jahre nach Borussias Aufstieg unter die Elite des deutschen Fußballs kommt es nicht mehr häufig vor, dass Mannschaften aufspielen wie einst der VfL.

Es ist dieser Mythos, der Borussias Popularität ausmacht. Jahre der Mittelmäßigkeit, der Niederlagen und des Abstiegs haben daran nichts geändert. Borussia ist etwas Besonderes. Borussias Fans sind etwas Besonderes, Fußball-Liebhaber, die im Herbergerschen Sinne nicht wissen, was sie erwartet: Sieg oder Niederlage, Jubel oder Trauer.
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