
Hennes VII. bietet sich an als Sündenbock dafür, dass der FC Kölle heute im Mittelmaß der Zweiten Bundesliga dümpelt. Seit das meckernde Vieh vor elf Jahren das ehrenwerte Amt des Vereinsmaskottchens übernahm, ist es bergab gegangen, viermal stieg man aus der Bundesliga ab. Erstaunlich, dass nicht der Geißbock um Entschuldigung bat, sondern das Präsidium seinen leidgeplagten Mitgliedern in der zurückliegenden Sommerpause einen zweiseitigen Brief mit Kölscher Krisenkommunikation zuschickte. Mit der vergangenen Spielzeit könne keiner zufrieden sein, gestand man ein, es habe “mehr Tiefen als Höhen” gegeben. Das große Ziel, den Aufstieg, hatte man verfehlt. Die Vereinsbosse konterten mit Weisheiten aus der Seemanns-Sprache: “In stürmischen Zeiten kommt es nicht darauf an, woher der Wind weht, sondern wie man die Segel setzt.”

Es knarzt gewaltig beim FC
Nachdem die Winde während der Sommerpause dank personeller Umstrukturierungen und einer ordentlichen Vorbereitung abgeflaut waren, knarzt es jetzt wieder gewaltig in der Takelage. Das frühe Pokal-Aus ist wie ein Kaventsmann vor den Bug geprallt, und am Freitag, zum Liga-Start, schippert man zu den “Freibeutern der Liga” in St. Pauli, die gerade Kölns rheinischen Rivalen Bayer Leverkusen versenkt haben. Es scheint so weiterzugehen wie in der vergangenen Spielzeit, als der Zweitliga-Krösus so erbärmlich absoff wie das berühmte Schatzschiff Sussex 1694 vor Gibraltar.

Am Ende der vergangenen Saison stand Platz neun zu Buche, 14 Punkte und 27 Tore abgeschlagen hinter dem dritten Aufsteiger. Nur einmal, nach seinem ersten Abstieg 1998, war der FC schlechter gewesen. Coach damals war Bernd Schuster, der es abseits der Karnevalshochburg bis zum Trainer bei Real Madrid geschafft hat. Der Kölner Misserfolg hat dramatische Ausmaße: 41 Millionen Euro hatte der Klub zuletzt zur Verfügung, 17 Millionen davon flossen an die Profispieler. Zum Vergleich: Der souveräne Aufsteiger Karlsruher SC plante mit 5,5 Millionen Euro.

Das aktuelle Kapitel der Kölner Gigantomanie begann im vergangenen November, als sich Christoph Daum in einem Kölner Krankenhaus einen Abszess aus dem Hals schneiden ließ. 16 Jahre nachdem ihn der einstige Vorstand grundlos und mit desaströsen Folgen entlassen hatte, war Daum wieder ganz nah am FC, und man bekniete ihn, als Trainer anzuheuern. Daum gab zum Karnevalsauftakt am 11. November eine legendäre Pressekonferenz im Foyer des Hospitals mit kryptischer Botschaft, drei Tage später sagte er ab, wieder vier Tage später zu. In der folgenden Woche strömten 1500 neue Mitglieder in den Verein.

Vielleicht ging es auch ums Geld
“Es ging nicht mehr um mich”, sagt der 53-Jährige mit dem länglichen braunen Haar und dem Schnurrbart zum stern.de, “es ging um den Verein, die Menschen in der Stadt, in der ganzen Region.” Vielleicht auch ums Geld, acht Millionen Euro bekommt Daum bis 2010 und darf private Sponsoren behalten.
Dafür erwartete man wahre Wunder. Sein erstes Training musste ins Stadion verlegt werden, wo Daum vor fast 10.000 Zuschauern Hände schütteln und Kinder segnen sollte. Es war ein Raunen und Staunen wie bei einer päpstlichen Prozession. Doch die Heilung blieb aus. Daum versuchte es der Reihe nach mit der Kasteiung seiner Spieler, mit Motivations-Musik, mit Psycho-Tricks und Nüchternheit - doch nichts wirkte.

Der vermeintliche Messias ist eben doch nur ein Mensch. Er sagt: “Ich bin kein Handaufleger. Mein ganzes Leben besteht doch nur aus Arbeit. Ich bin immer Arbeiter gewesen.” Er erzählt das gerne, wenn er zum Beispiel in Schulen spricht. Man dürfe nie aufgeben, sagt er. Daum wuchs in den Trümmern des Zweiten Weltkriegs auf, er kickte das Leder in den staubigen Straßen von Duisburg-Beeck, bis er raus war aus dem grauen Ruhrpott.
Den Platz im Hirn entfalten
Daums Intellekt spielt Tag und Nacht Fußball, dazwischen ein bisschen Yoga, und dann denkt er wieder nach, wie er den Platz im Hirn entfalten möchte. Hütchenspiel im Kopf, die Spieler müssen laufen, wie an seiner Schnur gezogen, doch im Inneren der Kölner Kicker sieht es wohl so wirr aus wie in der verschlüsselten Übertragung eines Nachrichtendienstes. Daum sagt, er habe inzwischen gelernt, schlicht und präzise zu sprechen. Er hatte nämlich mal einen Satz geprägt, der ging so: “Je mehr mir die Irrationalität des Fußballs bewusst wird, desto realer ist er.” Verstanden habe den nur ein Redakteur aus dem FAZ-Feuilleton. Inzwischen greift Daum auf eine populäre Fassung zurück: “Fußball ist ein Spiel der Realitäten.”
Gerade im Umgang mit der grausamen Realität hat man in Köln eine verzückte Leichtigkeit erfunden, einen masochistischen Freudenkult. Immer wieder ist auf der Südtribüne ein Transparent zu sehen, auf dem steht: “Am 8. Tag schuf Gott den FC.” Es muss sehr spät an diesem Tag gewesen sein, als der Herr den passenden Fan erfand: Durchgeknallt, von Sinnen, nicht normal, aber ein leidenschaftlicher Leider. Denn egal wie schlimm das Gekicke ist, die Scharen kommen so zuverlässig in den Prachtbau wie polnische Katholiken zur Sonntagsmesse.

Und da ist noch…..
Treffen Fussballprofis auf attraktive Kubanerinnen, um mit ihnen Salsa zu tanzen, schlägt der Trainer für gewöhnlich die Hände über dem Kopf zusammen. Doch was ist schon gewöhnlich bei Christoph Daum? Der Trainer des 1. FC Köln hat die Begegnung sogar selbst eingefädelt. Während der Winterpause rückte er mit voller Mannschaftsstärke in einer Kölner Tanzschule ein, ließ seine Spieler unter fachkundiger Anleitung in die Geheimnisse des lateinamerikanischen Tanzes einweihen. „Das hat Riesenspaß gemacht. Die Jungs haben noch wochenlang darüber geredet“, strahlte Daum anschließend.

„Teambuilding“, nennt der 54-Jährige das. Mit Tanzen, Kartfahren und gemeinsamen Restaurantbesuchen will Daum seine Zweitliga-Mannschaft zu einer verschworenen Einheit zusammenschweißen. Damit sie nicht wieder auseinanderbricht wie in der letzten Saison. Damals verpasste Daum, der vor zwei Jahren an die alte Wirkungsstätte zurückgekehrt war, mit Köln den Aufstieg in die Bundesliga deutlich. Am Ende fehlten 14 Punkte. Jetzt setzt er zum zweiten Versuch an, mit dem Traditionsklub zurück in die Beletage des Fußballs zu kommen. Es wird sein letzter sein.
„Wenn wir nicht aufsteigen, bin ich im Sommer weg. Mein Ziel ist der Aufstieg. Alles andere zählt nicht“, sagt Daum. Scheitert er, würde nicht nur die fußballbegeisterte Stadt in tiefe Trauer gestürzt werden. Auch Daum selbst käme nicht unbeschadet aus dem Schlamassel heraus.

Früher wäre in Köln spätestens jetzt die bevorstehende Rückkehr in die europäische Spitze ausgerufen worden. Händler hätten T-Shirts mit der Aufschrift „Bundesliga – wir sin widder do“ verkauft, und der Bürgermeister würde den Rathausbalkon vorsorglich für die Jubelfeier herrichten lassen. Doch nun hat sich das Klima gewandelt, die Misserfolge der jüngeren Vergangenheit haben das chronisch überhitzte Kölner Gemüt abgekühlt. Für Daum ist dieser Wandel des öffentlichen Bewusstseins ein Segen. Der Trainer sagt: „Diese Ernüchterung ist ganz, ganz wichtig, vielleicht die wichtigste Veränderung, die der Verein braucht.“ Was zunächst widersprüchlich klingt, macht durchaus Sinn: Trotz vier Bundesliga-Abstiegen in den letzten zehn Jahren herrscht in Köln eine Anspruchshaltung, der ihresgleichen sucht. Von täglichem „Erfolgsdruck pur“, berichtet Manager Michael Meier und sagt: „Deshalb sind wir Christoph Daum für jeden Tag dankbar, an dem er das auf sich nimmt.“ Auch Präsident Wolfgang Overath weiß um die hohen Ansprüche rund um das Geißbockheim: „Vor 40 Jahren waren wir in der Bundesliga das, was heute der FC Bayern ist. Das wirkt noch heute nach. Es wäre zwar finanziell möglich, noch ein weiteres Jahr in der Zweiten Liga auszuhalten. Aber wir alle können uns diese Situation nicht ausmalen.“

Die Stadt giert nach Bundesliga-Fußball
Wie sehr die Stadt nach Bundesliga-Fußball giert, zeigte sich bei Daums Verpflichtung im November 2006. „Tagelangen Belagerungszuständen“ waren er und seine Familie ausgesetzt, berichtet Daum. Trotz zweimaliger Absage ließ der klamme Verein nicht locker, ging finanziell an die Schmerzgrenze und baute Daum („Ohne diese Hintertür hätte ich es nicht gemacht“) sogar eine Klausel ein, nach der er den Vertrag halbjährlich kündigen könne. Über zwei Millionen Euro soll Daum pro Jahr verdienen, mehr als beispielsweise Thomas Schaaf bei Werder Bremen. Das Wort „Messias“ schwirrte durch die Gazetten, und 8000 Zuschauer pilgerten zum ersten Training, das kurzerhand ins Stadion verlegt wurde.
Daum ging gewohnt aufgedreht ans Werk. Doch schnell merkte er, wie der Klub seit seiner Entlassung im Jahr 1990 abgebaut hatte: „In Köln wurde in den letzten Jahren so viel gewechselt und so viel ausprobiert, da müssen jetzt mal ein paar Pflöcke eingeschlagen werden. Es muss wieder ein wechselseitiger Respekt da sein, der großartige Leistungen erwachsen lässt.“
“Identifikation entscheidet einen Aufstieg”
Daums Credo lautet heute: „Nicht große Namen entscheiden einen Aufstieg, sondern Identifikation, Zusammenhalt und bedingungslose Leidenschaft. Diese Dinge sind viel wichtiger als Namen oder vergangene Erfolge.“ Also keine Millioneneinkäufe in der Winterpause, keine Experimente. Daum will den Aufstieg mit psychologischen Tricks schaffen. Darum Salsa, darum Kartfahren, darum Teambuilding: „Ab dem 28. Spieltag müssen wir geschlossen und nervenstark sein. Letzte Saison haben wir in den letzten sechs Spielen eine absolute Achterbahnfahrt hingelegt. Das wird uns diesmal nicht passieren.“
Was ihm blüht, wenn der Aufstieg misslingt, weiß Daum genau: „Es gibt einige, die auf mein Scheitern warten, die sich sogar freuen würden, wenn ich es nicht packe. Ich kann dieses Drumherum aber ausblenden. Meine Zukunft ist nicht davon abhängig, wie wir ein paar Spiele gestalten und ob wir aufsteigen. Aber für Fans und Region würde es mir sehr leid tun.“ Und wenn es klappt? „Dann feiern wir. Und das nicht zu knapp“, sagt Daum, schmunzelt, und schiebt schnell einen Satz hinterher, der vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen wäre: „Aber keine Sorge: So schnell dreht in Köln keiner mehr
durch.“